Textübersetzunge
Inventur der Demokratie 2009: Studentenerklärung anlässlich des 20. Jahrestags der „samtenen Revolution“
Präambel
Unsere Demokratie feiert ihren 20. Geburtstag. Seit langem bereitet man große Straßenfeste vor, und sie werden vermutlich wie immer ablaufen: Auf den Bühnen erstrahlen Sterne der Popmusik der letzten 40 Jahre, Politiker loben sich selbst dafür, wie gut sie uns um die Klippen der sich herausbildenden Freiheit geschifft haben, und die Mehrheit des Volkes verlängert mit dem Feiertag ihr Wochenende und verschwindet irgendwohin.
Falls es bloß dabei bleibt, wird das November-Jubiläum nur eine weitere verpasste Chance sein. Dabei ist der 20. Jahrestag eine einmalige Gelegenheit – nicht nur für den üblichen Rückblick, sondern für eine Inventur unserer Demokratie.
Ein demokratisches Regime haben wir bereits seit 20 Jahren. Auch nach einer so langen Zeit reden wir uns aber immer noch ein, dass wir irgendwie erst am Anfang stehen, dass unsere Demokratie noch nicht reif ist. Damit werden viele Unzulänglichkeiten erklärt – fast alle. Die langsame Entwicklung ist allerdings nicht das Hauptproblem. Unsere Demokratie wird nämlich möglicherweise gar nicht besser und stärker. Die Ereignisse des letzen Jahres deuten sogar auf ihren Verfall hin. Es ist angebracht, sich um sie Sorgen zu machen.
Ausdruck dieser Sorge ist auch die folgende Studentenerklärung.
Auseinandersetzung mit unserer kommunistischen Vergangenheit
Wir sind die erste Generation von Studenten, von der behauptet wird, dass sie nicht vom Kommunismus geprägt sei. Da wir die Zeit vor 1989 nicht erlebt haben und nichts von ihr wissen, wird davon ausgegangen, dass wir ihrem Einfluss entkommen sind. Die Wahrheit ist aber genau umgekehrt: Je weniger wir von der Vergangenhit wissen, desto unfreier macht sie uns. Eine gründliche Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit hat dabei noch gar nicht begonnen – nach ganzen 20 Jahren. Und das halten wir für ein grundsätzliches Problem.
Das einzige, was die tschechische Gesellschaft von Zeit zu Zeit etwas erregt, sind nämlich gelegentliche Enthüllungen einer Zusammenarbeit unserer Prominenten mit der Staatssicherheit. Die kommunistische Vergangenheit wird nur als Mittel zum Zweck benutzt – zum Machtkampf, zur Verleumdung politischer Gegner oder zur Steigerung der Verkaufsquote von Tageszeitungen. Natürlich halten wir nichts davon für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Einfache Parolen und skandalöse Enthüllungen nach dem Motto „hat unterzeichnet oder hat nicht unterzeichnet“ können uns einfach nicht ausreichen.
Bis heute fehlt uns eine klare Vorstellung von den Funktionsweisen der totalitären Macht und der Weise, wie sie die Gesellschaft und den Einzelnen deformiert hat. Wir haben nicht die geringste Ahnung davon, wie viele Gewohnheiten und Einstellungen aus dieser Zeit wir – ohne davon zu wissen – in uns tragen. Man kann lediglich davon ausgehen, dass es nicht wenige sind.
Warum erliegen wir zum Beispiel so gerne der Vorstellung, das über uns „jemand da oben“ entscheidet und dass sich daran nichts ändern lässt? Warum haben wir so oft Angst, uns für eine Sache einzusetzen, die wir für richtig halten? Warum kommt uns jeder Kampf mit einer arroganten Macht immer noch als überflüssig und exzentrisch vor?
Ähnlich können wir weiter fragen: Wie ist es möglich, dass wir eine Lüge so schnell für gesellschaftlich akzeptabel halten? Woher kommt die große Toleranz gegenüber der Umgehung von Gesetzen und dem Betrug des Staates? Und seit wann glauben wir so gerne, dass an erster Stelle materielle Sicherheiten kommen und dass alles andere nur das Sahnehäubchen auf der Torte ist?
Wir wissen nicht, was davon eine direkte Folge des Kommunismus ist. Eines ist aber sicher: Auch unsere Generation, die man für frei hält, ist keineswegs davon befreit. Die Vergangenheit beeinflusst uns durch unsere Eltern, Lehrer, Behörden und durch die gesellschaftliche Atmosphäre. Deswegen wollen wir wissen, wie die Vergangenheit tatsächlich war.
Wenn wir imstande sein werden zu erkennen, was unsere Gesellschaft vor 1989 unfrei machte, steigt die Chance, ähnliche Risiken auch heute zu sehen. Auch in der jetzigen Gesellschaft ist es wichtig, die Fähigkeit zu besitzen, selbst feine Verschiebungen von der Freiheit zur Unfreiheit wahrzunehmen. Auch heute ist es wichtig, gegenüber Erscheinungen der Unfreiheit in unserer Umgebung sensibel zu sein. Auch heute ist es notwendig, neue, unauffällige Formen der Totalität zu erkennen und auf diese adäquat reagieren zu können.
Bildung
In kaum einem Land werden akademische Titel so zur Schau gestellt wie in Tschechien. Obwohl man über den Niedergang des Schulwesens intensiv diskutiert, besitzen akademische Titel bei uns nach wie vor die Aura einer gewissen Erhabenheit. Als ob sie ihren Trägern irgendeine höhere Qualität verleihen würden.
Dabei hat der ganze tschechische Bildungsprozess die Form eines etwas heuchlerischen Spiels. Alle machen dabei mit: Studenten, Lehrer, Eltern sowie die ganze Gesellschaft. Kaum jemand gibt nämlich zu, wie niedrig die Qualität der heutigen Ausbildung ist: mäßige englische Sprachkenntnisse, flinkes Kopieren aus Wikipedia sowie ein einigermaßen geschicktes Googeln – mehr wird in der Regel von den Studenten nicht erwartet. Anspruchsvollere Bildungsstätten fügen eine Schulung im mechanischen Auswendiglernen hinzu, und die wirklich elitären rüsten ihre Absolventen mit Verzeichnissen nützlicher Kontakte aus, die nicht selten für das Wichtigste gehalten werden. Das Studium strengt kaum jemanden an und bereitet nur wenigen Freude. Und sein Zweck ist nicht mehr als eine Wertsteigerung seiner Absolventen – als Wirtschaftseinheit – auf dem Arbeitsmarkt.
Der Sinn des Studiums besteht aber doch nicht darin, möglichst produktive „menschliche Ressourcen“ zu erschaffen, die primär Profit generieren. Durch die Bildung soll man doch die Fähigkeit zum Erkennen und zum Entscheiden gewinnen. Und dank der Studienjahre sollte man imstande sein, Alternativen zum allgegenwärtigen Pragmatismus zu finden, der für die meisten Leute zum einzig praktizierten Glauben wird. Gerade darin bleibt allerdings das heutige Schulwesen am meisten zurück. Die Schulen führen uns weder zur Erkenntnis der Welt, noch zu einer besseren Orientierung in ihr, ganz zu schweigen zu einer Weisheit. Auf allen Ebenen der Bildung mangelt es an Mut, Werte zu suchen und zu achten – und genauso mangelt es an einer Wertschätzung des menschlichen Charakters.
Dabei benötigt gerade die heutige Demokratie unbedingt Menschen, die zumindest grundsätzlich imstande sind, die Welt – sowie sich selbst – zu verstehen und auch andere zu einer solchen Erkenntnis zu führen. Die gegenwärtige Demokratie benötigt ferner Persönlichkeiten, die auch in ganz neuen und unerwarteten Situationen – in solchen, für die wir noch keine Rezepte besitzen – richtige Entscheidungen treffen und richtig handeln könnten.
Können wir aber solche Personen unterstützen? In Schulen setzt man auf Material und Technik: Es wird primär auf gut ausgestattete Lehrräume Wert gelegt. Wir Studenten vermissen aber in erster Linie einen direkten Kontakt mit guten Lehrern. Solchen, die uns nicht nur zeigen, was sie alles wissen, sondern vor allem, wie man mit Kenntnissen sinnvoll umgehen kann: mit ihrer Hilfe der Welt nützlich zu sein, eine Orientierung für andere darzustellen und sich nicht davor zu scheuen, auch solche Sachen durchzusetzen, die – salopp gesagt – nicht gerade „in“ sind.
Heutige Lehrer verschweigen aber ihre Meinung. Es dominiert die Ansicht, dass man Studenten nicht beeinflussen sollte – dass es unwissenschaftlich oder sogar manipulativ sei. Wir benötigen aber Lehrer, die genug Vernunft und Mut besitzen, um Studenten zum kritischen Denken führen zu können, sie zu prägen, zu beeinflussen und sogar zu erziehen, was keinesfalls verpönt sein sollte. Zu all dem sollte man ihnen genug Freiraum gewähren.
Es ist falsch zu denken, dass sie sich diesen Raum selber, gegebenenfalls mit Hilfe des Schulministeriums erkämpfen können. Falls uns daran liegt, zukünftig ein inspiratives, selbstbewusstes und freies Land zu sein, sollte die Bildung keinesfalls nur Lehrer, Studenten und Politiker interessieren. Sie muss für uns alle ein erstrangiges Thema sein; wichtiger als Beneš-Dekrete, neue Autobahnen oder Arztgebühren. Sonst können wir kaum anderswohin als auf die kulturelle Peripherie Europas zusteuern.
Die Rolle der Tschechischen Republik in der Welt
Wir sind die erste Generation, von der man ohne Übertreibung sagen kann, dass sie sich in einer offenen Welt bewegt und dass diese Tatsache für sie eine Selbstverständlichkeit ist. Ganz normal studieren – und arbeiten – wir im Ausland. Wir haben dort viele Freunde. Es ist für uns kein Problem, uns mit ihnen zu verständigen. Deswegen sehen wir unser Land auch aus einer anderen Perspektive. Und als Studenten müssen wir uns für das aktuelle Bild der Tschechischen Republik im Ausland schämen.
Wir haben einen Präsidenten, der seine bizarren Meinungen über die Europäische Union, den Klimawandel, das Universum und benachbarte Gebiete selbstgefällig verkündet – und das alles in unserem Namen. Dabei werden wir von niemandem anderen auf eine so auffällige Weise repräsentiert: Das Auftreten unserer Politiker ist dermaßen verwirrt und undurchschaubar, dass man uns im Ausland kaum noch ernst nehmen kann. Mit wem schmiedet dieses Land eigentlich ein Bündnis? Mit Europa, mit den Vereinigten Staaten oder mit Putins Russland? Und worum geht es eigentlich unserem Land? Europa zu integrieren, zu sprengen – oder ihm einfach nur Ärger zu bereiten?
Leider unterstützen auch wir Bürger diese Politiker. Unser Interesse am Ausland beschränkt sich auf die Preise für einen Urlaub am Meer und die Schneehöhe in den Alpen. Es herrscht die Überzeugung vor, dass ein normales Zusammenleben zwischen Staat und Bürgern darauf basiert, dass keiner dem anderen in seine Angelegenheiten hineinredet: „Ihr interessiert Euch nicht für uns und wir werden uns nicht für Euch interessieren.“ Nicht einmal das halbe Jahr der Ratspräsidentschaft brachte uns dazu, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.
Das Ergebnis davon ist schließlich unsere Bedeutungslosigkeit – keiner befasst sich mehr mit uns. Wir sind für die Welt weder interessant, noch gefährlich. Aus einer solchen Gesichtslosigkeit können keine Identität und keine bedeutende Rolle in der Welt entspringen.
Mögen wir auf der internationalen Bühne zumindest unsere einmalige Erfahrung mit 40 Jahren Totalität einbringen: Wir könnten in Fragen der Menschenrechte sensibler sein. Wir könnten imstande sein, ein unauffälliges Auftreten autoritärer Regime oder eine allmähliche Erosion der Demokratie schnell zu erkennen. Vielleicht können wir auch Russland besser als die westlichen Staaten einschätzen.
Leider haben wir immer noch mit ganz grundsätzlichen Problemen zu kämpfen: Nicht nur, dass wir nicht wissen, welche Rolle wir in der Welt spielen wollen, es mangelt uns auch an dem Willen, diese Rolle gemeinsam zu suchen, sich auf sie zu einigen und eine solche Vereinbarung dann langfristig einzuhalten. Deswegen sieht es so aus, dass wir zumindest noch einige Zeit den Part eines peinlichen querulierenden Kaspers spielen werden.
Zerbrechliche Demokratie
Offensichtlich geht man also davon aus, dass unsere Generation alle Missstände der heutigen Demokratie beseitigen wird. Von älteren Menschen hören wir, dass mit uns in das politische und bürgerliche Leben eine neue Kultur kommen wird. Dass endlich bessere Zeiten anbrechen werden. Es ist nur eine weitere, in die junge Generation gesetzte Hoffnung. Das Vertrauen ist zwar erfreulich, aber ehrlich gesagt: Zu denken, dass wir es alleine schaffen werden, ist naiv – oder besser: alibistisch.
Falls sich nämlich unsere Generation von den vorherigen durch etwas unterscheidet, dann gerade dadurch, dass sie sich gar nicht unterscheidet – zumindest soweit es um die Werte geht. / Falls nämlich an unserer Generation etwas Besonderes ist, dann ist dies gerade die Tatsache, dass sie sich gar nicht von den vorherigen Generationen unterscheidet – zumindest soweit es um die Werte geht. Das öffentliche Leben interessiert uns nicht sonderlich, und die Politik geht uns auf die Nerven – vor allem verstehen wir sie gar nicht. Die Tatsache, dass ab und zu eine gelegentliche Protestaktion oder sogar eine Welle per Internet organisierter Veranstaltungen ins Leben gerufen wird, ändert daran nichts. Auf ein gesellschaftliches Engagement haben wir keine Lust – vor allem, wenn dieses dauerhaft sein soll. Wir sind genauso wie die älteren Generationen. Und wir verspüren keinen Drang, uns gegenüber diesen abzugrenzen. Wir wollen die Welt nicht verändern.
Mit einem solchen Bedürfnis wird nämlich niemand geboren, und es ist auch nicht durch die Jugend gegeben. Man muss dies einfach lernen. Aber von wem? Die, die unsere Autoritäten und Lehrer sein sollten, haben sich daran gewöhnt, den öffentlichen Bereich zu ignorieren und sich in ihr Privatleben zurückzuziehen. Dies haben wir ihnen sehr gut abgeschaut. Auch wir stellen ohne Bedenken das private Interesse über das gesellschaftliche und finden dies ganz natürlich. Dass es anders sein könnte, fällt uns gar nicht ein.
Auch wir setzen gerne darauf, dass das öffentliche Leben ohne uns klar kommt. Wir sind damit zufrieden, wenn wir uns darum gar nicht kümmern müssen: Im Idealfall sollte es nur einen unauffälligen Hintergrund für unsere Selbstverwirklichung und unser Vergnügen darstellen.
Dabei hat sich mehrmals gezeigt, dass man den öffentlichen Raum nicht sich selbst überlassen darf. Überraschend schnell kann er verderben – wie alles, was man nicht mehr pflegt. Darüber hinaus gibt es immer genügend Menschen, die ihn geschickt und skrupellos ihren Vorstellungen anpassen.
Auf diese Weise beginnt ein zunächst unauffälliger Prozess: Die Teilnahme am öffentlichen Leben wird immer weniger attraktiv. Man hat das Gefühlt, dass man auf das Geschehen keinen Einfluss mehr hat und umso weniger möchte man sich daran beteiligen. Gesellschaftliches Engagement wird dann allerdings immer schwieriger, und bald schließt sich der öffentliche Raum für anständige Menschen komplett ab. Dann ist die Freiheit direkt bedroht – in diesem Moment kann man schließlich gar nichts mehr machen.
Sagen wir es direkt: Unsere Demokratie ist zerbrechlich und wir können sie leicht verlieren. Die Tatsache, dass sie überhaupt noch einigermaßen funktioniert, ist nicht die Folge historisch unvermeidlicher demokratischer Prinzipien. Demokratie beruht auf konkreten Bemühungen konkreter Menschen. Eine Chance hat sie nur dann, wenn wir uns für sie wie für unsere persönlichen Interessen einsetzen werden – und das ziemlich bald.
Sonst besteht die Gefahr, dass wir in zehn Jahren keinen 30. Jahrestag unserer Demokratie feiern können.

